KI trifft Immissionsschutz: BAICert kann Antragsverfahren beschleunigen
17.07.2026Vortrag bei den Bayerischen Immissionsschutztagen 2026
Wie kann Künstliche Intelligenz dazu beitragen, bürokratische Hürden im Genehmigungswesen abzubauen – und was bedeutet das konkret für Betreiber von Biogasanlagen? Diese Frage stand im Mittelpunkt eines Vortrags von Christoph Reithmair und Florian Sigl von der OmniCert bei den Bayerischen Immissionsschutztagen 2026. Unter dem Titel „BAICert – Ein bayerisches KI-Projekt zur Bürokratie-Beschleunigung" gaben sie Einblick in das 2025 gestartete Forschungs- und Entwicklungsprojekt, das bürokratische Prozesse im Zertifizierungs- und Genehmigungsverfahren effizienter gestalten soll.

Bild: KUMAS – Kompetenzzentrum Umwelt e. V.
Das Problem: Heterogene Unterlagenqualität und schrumpfende Kapazitäten
Im Immissionsschutz ist etwa die Variabilität jeder einzelnen Anzeige nach § 15 BImSchG oder einem Änderungsantrag nach § 16 BImSchG sehr hoch. Die eingereichten Unterlagen sind zum dem nur teilweise standardisiert und werden in unterschiedlicher Datenqualität (PDF, Bilddateien oder Ausdrucke) eingereicht.
Fachexperten benötigen viel Zeit, um diese Dokumente manuell zu sichten und die für sie relevanten Informationen herauszusuchen, bevor sie die eigentliche Prüfung durchführen können. Bei der Übertragung von Informationen aus Papierdokumenten in digitale Systeme entstehen zudem Eingabefehler, die später nur schwierig zu korrigieren sind. Folgen sind zeitaufwendige und somit kostspielige Kopier- und Extraktionsaufgaben ohne tatsächliche Prüfleistung.
Hinzu kommt der Abstimmungsbedarf zwischen Abteilungen und Behörden, der erst nach der Erstsichtung und Übertragung in IT-Systeme stattfinden kann. Das alles kostet Zeit, welche in Zeiten des voranschreitenden Fachkräftemangels durch fehlende personelle Kapazitäten immer kostbarer wird.
Die Lösung: BAICert – KI als Werkzeug, nicht als Entscheidungsträger
Genau hier setzt das Projekt BAICert (Bavarian Artificial Intelligence in Certification Processes) an. Es ist ein Forschungsprojekt der OmniCert Umweltgutachter GmbH in Kooperation mit der OTH Regensburg, gefördert durch das Bayerische Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie. Die Projektlaufzeit erstreckt sich von April 2025 bis März 2028.
Das Ziel: KI soll dort unterstützen, wo heute unverhältnismäßig viel Zeit in Routineaufgaben fließt – ohne die fachliche Verantwortung und Entscheidungshoheit zu ersetzen. Konkret bedeutet das:
Automatisierte Erfassung und Strukturierung eingereichter Dokumente
Vollständigkeitsprüfung anhand definierter Checklisten – noch vor der Einreichung
Extraktion relevanter Datenfelder für die Weiterverarbeitung
Plausibilitätsprüfungen, z. B. Abgleich mit Grenzwerten
Strukturierte Entscheidungsvorlagen für Sachbearbeiter und Gutachter
Die fachliche Bewertung, die rechtliche Einordnung und alle rechtsverbindlichen Entscheidungen bleiben konsequent in menschlicher Verantwortung.
KI im Genehmigungs- und Zertifizierungsprozess
KI kann in verschiedenen Anwendungen eingebunden, Genehmigungs- und Zertifizierungsprozesse vereinfachen und beschleunigen.
Vor der Einreichung: Im konkreten Anwendungsgebiet kann KI einen ersten Entwurf für einen Änderungsantrag nach § 16 BImSchG erstellen oder bei der Formulierung einer § 15-Anzeige unterstützen, etwa wenn ein neuer Einsatzstoff in einer Abfall-Biogasanlage aufgenommen werden soll. Eine automatisierte Vollständigkeitsprüfung zeigt frühzeitig, welche Unterlagen noch fehlen – das reduziert Rückfragen und beschleunigt das Verfahren erheblich.
Im laufenden Verfahren: Behörden können eingereichte Unterlagen automatisch mit Checklisten abgleichen und die für einzelne Fachstellen relevanten Inhalte (z. B. Brandschutz, Gewässerschutz, Betriebssicherheit) gezielt herausarbeiten lassen. Das spart Zeit auf beiden Seiten.
Kernkomponente: Der BAIParser
Das technische Herzstück des Projekts ist der BAIParser – ein KI-gestütztes System, das Dokumente aus Prüf- und Genehmigungsprozessen automatisiert ausliest, einordnet und strukturiert. Er arbeitet in drei Schritten: Texterkennung und Extraktion (auch aus Scans und Formularen), automatische Klassifikation nach Dokumenttypen sowie das gezielte Parsing kategoriespezifischer Datenfelder.
Ein wichtiges Merkmal: BAICert verfolgt einen konsequenten Open-Source-Ansatz. Nach Projektabschluss sollen alle entwickelten Komponenten – inklusive BAIParser, Schnittstellen und Konfigurationen – frei verfügbar sein. Behörden und Unternehmen können die Lösung ohne Lizenzkosten übernehmen und an ihre spezifischen Anforderungen anpassen.
